I.
Das hohle Klappen des Fensterladens riß Erik aus dem Schlaf. Noch etwas benommen hob er den Kopf, der wohl schon seit geraumer Weile auf seiner Hand auf dem Tisch seines Arbeitszimmers gelegen hatte. Verdammt, jetzt war er doch tatsächlich vor dem Computer eingeschlafen. Kein Wunder, seit Wochen schon hatte Erik keinen vernünftigen Gedanken mehr zustande gebracht. Zu allem Übel saß ihm auch noch sein Verleger im Nacken und drängte immer nachdrücklicher auf den stets näher rückenden Termin der Veröffentlichung von Eriks jüngstem Werk. Dabei hatte er kaum die Hälfte seines neuen Buches "zu Papier" gebracht und die sonst im Überfluß sprudelnden Einfälle ließen diesmal einfach unendlich auf sich warten.
Daran hatte auch die Tatsache nichts geändert, daß Erik sich schon vor Wochen in das alte Blockhaus seines Großvaters mit atemberaubendem Blick direkt auf das blaue Wasser und die dunkelgrünen, steilen Hänge des Geiranger-Fjordes zurückgezogen hatte, in der Hoffnung, daß er hier, der Geschäftigkeit und Betriebsamkeit Oslos entflohen, die Ruhe und Ausgeglichenheit wiederfinden würde, die er brauchte, um sein Buch zu vollenden.
Erik Kristiansen war wohl kein Bestsellerautor, doch die Themen seiner Kurzgeschichten erzeugten bei seinen Lesern immer ein angenehmes Prickeln und waren daher nicht nur in seiner Heimat Norwegen sehr beliebt.
Noch ein wenig verschlafen wandte Erik den Blick zur Uhr über dem offenen Kamin. Zehn Minuten nach Sechs. Zehn Minuten nach Sechs? Oh nein, nicht auch das noch! Kirstin hatte jetzt sicher schon dicke Unmutsfalten auf ihrer Stirn und würde schon nervös von einem Bein auf das andere treten. Sie hatten sich um punkt sechs Uhr abends in Hellesylt zum Essen verabredet und nun würde er sich wieder mal verspäten.
Eilig sprang Erik aus seinem Arbeitssessel und lief ins Schlafzimmer, um sich umzuziehen. Wenn er ein wenig schneller fuhr und unterwegs noch ein paar Blumen auftreiben konnte, würde Kirstins Zorn sicher leichter zu besänftigen sein.
II.
Ole blies Trübsal. Gelangweilt hockte er am Feuer und schaute er aus dem winzigen Fenster der kleinen, dunklen Hütte, die sich moosbedeckt und fast unsichtbar zwischen einer uralten, knorrigen Föhre und einem der mächtigen Felsen, die den Fjord säumten, versteckte. Den ganzen Abend schon wußte er nichts rechtes mit sich anzufangen, die Alten und seine jüngeren Geschwister waren fortgegangen, streiften irgendwo durch die Wälder, Ole jedoch war danach nicht recht zumute. Eigentlich hätte er viel lieber ein wenig Schabernack getrieben, jemandem einen Streich gespielt oder einfach nur ein klitzekleines bißchen Unfug angestellt. Doch weit und breit war niemand, den er hätte ärgern können.
Außerdem mußte Ole feststellen, daß sich gerade sein Magen mit einem ungehaltenen Knurren bemerkbar machte. Er verschwendete nur einen ganz kurzen Gedanken an seine Mutter, die ihm sicherlich ein paar kräftige Rüffel hinter seine langen, spitzen Ohren gegeben hätte und begann, intensiv die schier unergründlichen dunklen Regale nach etwas Eßbarem zu durchstöbern. Irgendwo mußten sich da doch noch ein paar leckere getrocknete Pilze oder ein paar von den dicken süßen Beeren verstecken ... Scheppernd schob Ole die zahllosen Kiefernholzschalen und Steintöpfe beiseite. Nichts. Einfach nichts zu finden, was den knurrenden Magen hätte verstummen lassen können.
Mißmutig gab Ole seine Suche auf und schlurfte zur Tür der Hütte, die hölzern und schwer in den ein wenig angerosteten Angeln hing. Dann blieb ihm eben nichts weiter übrig, als selbst auf die Suche nach Beeren oder Pilzen zu gehen, auch wenn dies wesentlich unangenehmer war, als sich zu Hause an den großen Tisch zu setzen, ein wenig mit dem Wurzellöffel zu klappern und sich von seiner Mutter ein heißes, wohlschmeckendes Mahl vorsetzen zu lassen. Aber nicht zu ändern. Ole drückte die Tür auf und huschte flink durch den schmalen Spalt in den Wald hinaus, der von den letzten roten Sonnenstrahlen des Tages in goldenes Licht getaucht wurde und fast unwirkliche Schatten warf.
III.
Endlos und menschenleer wand sich die schmale Straße entlang der steilen Anhänge des Geiranger-Fjordes. Eigentlich war es schade, daß Erik so in Eile war, um Kirstin nicht noch länger warten zu lassen, denn die untergehende Sonne verzauberte den gesamten Fjord mit einem so atemberaubenden goldenen Schein, daß der herrliche Anblick es durchaus wert gewesen wäre, ihn in aller Ruhe und vor allem in einem nicht solch halsbrecherischen Tempo aus dem Auto heraus zu bewundern.
Erik war schon in seiner Kindheit fasziniert von der malerischen Schönheit der Fjordlandschaft und den geheimnisvollen dunklen Wäldern, in denen er sich zu jedem Besuch bei seinem Großvater stundenlang mit einer leichten Gänsehaut auf dem Rücken herumtreiben konnte. Abends am Kaminfeuer konnte er stundenlang mit großen, leuchtenden Augen den Erzählungen seines Großvaters lauschen, die sich sämtlichst um längst vergessene Legenden von Trollen, Gnomen und Irrlichtern drehten.
Erik dachte ein wenig wehmütig an die Unvoreingenommenheit und Naivität, mit der er den Geschichten des alten Mannes Glauben geschenkt hatte. Mittlerweile erwachsen geworden, in einer Zeit, in der selbst Geschichten nicht mehr auf weißem Papier, sondern auf einem Computermonitor geschrieben wurden, war in seinem Glauben und seinen Vorstellungen jedoch kein Platz mehr für solcherlei Volksmärchen.
Ein lauter, scharfer Knall riß Erik aus seinen Gedanken. Urplötzlich geriet der Wagen ins Schleudern. Erik trat scharf auf die Bremsen, was jedoch zur Folge hatte, daß das Auto noch heftiger auszubrechen versuchte. Der steile, felsige Abhang des Fjordes kam schnell und bedenklich näher. Verzweifelt riß Erik das Lenkrad herum und versuchte gegenzusteuern, gleichzeitig trat er vorsichtig erneut auf die Bremsen. Nach unendlich langen Sekunden kam der Wagen mit einem harten Ruck quer zur Straße zum Stehen. Aufatmend ließ Erik den Kopf auf das Lenkrad sinken, das er noch immer mit beiden Händen fest umklammert hielt. Es kam ihm so vor, als habe er während der vergangenen 15 Sekunden, die ihm wie eine Ewigkeit erschienen, die Luft angehalten.
Mit noch zitternden Händen öffnete Erik die Fahrertür und stieg aus. Er lief um den Wagen herum und untersuchte ihn. Der rechte hintere Reifen war geplatzt und zerfetzt hing der schwarze Gummi von der Felge.
Na prima, jetzt durfte er also auch noch den Reifen wechseln. Das würde ihn mindestens eine halbe Stunde kosten und nun dürfte wohl auch ein Blumenstrauß nicht mehr ausreichen, um sich bei Kirstin für die Verspätung zu entschuldigen. Wütend öffnete Erik den Kofferraum, um Ersatzrad und Wagenheber herauszuholen. Womöglich hatte er Glück und es kam wenigstens ein anderes Auto vorbei, dessen Fahrer ihm vielleicht helfen würde.
IV.
Mmmmmhhh, lecker, lecker!! Ole schob sich genüßlich eine letzte Hand voll süßer, dicker, roter Moltebeeren in den Mund. Sein langer Schwanz mit dem dichten Fellbüschel am Ende zuckte vor Vergnügen. Er hatte gar nicht so weit laufen und nicht lange suchen müssen, um einen riesigen Strauch voller Waldbeeren zu entdecken, dessen Zweige schwer und übervoll fast bis zur Erde herabhingen.
Ole wischte sich mit den vier Fingern seiner rechten Hand den klebrigen Beerensaft vom Mund. Puuh ... satt, zufrieden und mit einem kleinen kugelrunden Bäuchlein ließ er sich auf den dick mit dunkelgrünem Moos bewachsenen Waldboden fallen. Er streckte sich wohlig aus und dachte an die Alten, die jetzt irgendwo in den Wäldern herumstreiften, die Kaninchen- und Bärenfallen absuchten und Pilze und Beeren für den langen, kalten Winter sammelten. Er würde seiner Mutter von dem ertragreichen Strauch, den er hier gefunden hatte, erzählen, zwei Körbe voll Beeren würde er sicher noch abwerfen. Mutter würde stolz auf ihren ältesten Sprößling sein und ihm liebevoll das graubraune Fell zwischen den Ohren kraulen.
Seit Ole sich erinnern konnte, und sicher schon eine sehr, sehr lange Zeit vor seiner Geburt, lebte seine Familie und die anderen seiner Artgenossen hier in den dunklen Wäldern nahe des tiefen Wassers. Doch sie waren nicht die einzigen Bewohner dieser Gegend. Im Allgemeinen mieden sie die Nähe der Menschen, die in kleineren und zuweilen auch größeren Ansiedlungen am Rande der Wälder wohnten und stahlen sich nur hin und wieder in eine abgelegene menschliche Behausung, um ein wenig zu stöbern oder dieses und jenes zu stibitzen. Ansonsten aber, soweit auch die Menschlinge friedfertig und der Natur wohlgesonnen waren, respektierten die Alten ihre Gegenwart und beschützten sie sogar vor mancherlei Gefahren. Was jedoch nicht bedeutete, daß man den Menschlingen nicht ab und zu einen kleinen Streich spielen oder sie ein wenig erschrecken konnte.
Ja, genau! Einen Streich spielen, das war exakt das, wonach Ole jetzt der Sinn stand. Listig und unternehmungslustig funkelten seine kleinen Augen. Behende sprang er von seinem bemoosten Rastplatz auf und kletterte flink durch das Unterholz davon, auf der Suche nach einer guten Gelegenheit, Unfug zu treiben.
V.
Erik konnte es nicht fassen. War er denn heute tatsächlich nur vom Pech verfolgt? Hilflos und wütend starrte er auf den Autoreifen in seinen Händen. An den Einbau dieses eigentlich für solche Pannen gedachten Ersatzteiles war nicht zu denken. Viel zu lange hatte das Rad unkontrolliert im Kofferraum gelegen und ein Großteil der Luft war aus dem Reifen entwichen. Mit einem ungestümen, zornigen Schwung warf Erik das Ersatzrad zurück in den Kofferraum. Und nun? Sollte er hier einfach abwarten, bis ein anderer Wagen vorbeikam und einen Abschleppwagen informieren konnte? Erik verwarf diese Idee sogleich wieder. Es war mittlerweile schon 18.42 Uhr und während seiner gesamten zwanzigminütigen Fahrt war ihm kein einziges anderes Auto begegnet. Er dachte angestrengt nach. Telefon! Er mußte hier irgendwo ein Telefon auftreiben. Erik glaubte, sich erinnern zu können, daß es hier in der Nähe ebenfalls einige Ferienhäuser, ähnlich dem Blockhaus seines Großvaters, geben mußte. Wenn er Glück hatte, es war schließlich Ende August, würden hier ein paar Landsleute von ihm oder auch einige Touristen den Sommer verbringen. Er würde darum bitten, das Telefon benutzen zu dürfen und könnte so den Reparaturservice benachrichtigen und vielleicht sogar Kirstin erreichen. Daran, daß sie immer noch vor dem Restaurant in Hellesylt auf ihn wartete, glaubte Erik ohnehin nicht mehr.
VI.
Ole reckte seine lange Knubbelnase schnüffelnd in die Luft. Bährks, was war denn das für ein komischer Geruch? Zwar noch recht schwach und trotzdem stechend durchzog ein ungewohnter Duftfaden den sonst eigentlich vorwiegend nach Holz, Moos und herabgefallenen Kiefernnadeln riechenden Wald. Ole duckte sich instinktiv ein wenig dichter an den Waldboden und schlich vorsichtig und lautlos weiter in die Richtung des unangenehmen Odeurs. Vor ihm lichteten sich die Bäume ein wenig und er konnte plötzlich das graue, breite Band eines der von den Menschen angelegten Wege erkennen, die sich außerhalb des Waldes entlang der steilen Küste des tiefen Wassers durch die Landschaft zogen. Für ein paar Sekunden hielt er die Luft an, rutschte dann fast auf seinem Bäuchlein liegend mutig noch einige Meter vorwärts, um hinter einem dichten Gestrüpp versteckt liegenzubleiben. Jetzt konnte Ole erkennen, woher der beißende, unvertraute Geruch kam. Mitten auf der Straße stand eines dieser seltsamen Dinger, in das die Menschlinge sich hineinsetzten und dann in Windeseile, schneller als Ole's Beine ihn je hätten tragen können, von einem Ort zum anderen gelangten. Ole selbst sah ein solches Ding zum ersten mal, doch er hatte die Alten abends am Feuer schon oft davon erzählen hören, so daß er ganz sicher war, worum es sich handeln mußte. Die Alten mochten diese Kästen nicht sonderlich, weil sie einen Höllenlärm veranstalteten und außerdem ganz fürchterlich stanken.
Ole konnte erkennen, daß sich am hinteren Teil des Dings jemand zu schaffen machte. Ein Menschling. Er war nur wenig größer als Ole selbst, hatte helles, kurzes Haar und trug bunte Kleidung, die viel leichter und dünner als seine eigenen Sachen zu sein schienen. Der Menschling warf gerade ein rundes, schwarzes Etwas in den Kasten und klappte einen Deckel zu. Ole reckte seinen Hals und rutschte im Gebüsch ein Stück näher, um besser sehen zu können.
Erik drehte sich um. Da war doch jemand ... Ganz deutlich hatte er aus der Richtung des Waldrandes auf der anderen Straßenseite ein lautes Knacken und Rascheln gehört. "Hallo?" Erik ging ein paar Schritte um das Auto herum. "Ist da jemand? Ich könnte Hilfe brauchen, mein Wagen ist liegengeblieben."
Von einer Sekunde auf die andere wurden Ole's Augen kugelrund. Hatte der Menschling ihn doch tatsächlich entdeckt. Was mußten auch diese trockenen Zweige so laut knacken! Ole sah, wie Erik langsam auf das Gebüsch, hinter dem er lag, zuging. Flink kroch er rückwärts durch das Gras, sprang auf und lief in den Wald zurück. Nach etwa 20 Metern versteckte er sich hinter einer riesigen Föhre und lugte von dort hervor.
"Hallo ... Entschuldigung ... so warten Sie doch!" Erik hatte ganz deutlich jemanden in den Wald laufen sehen und ging ihm mit raschen Schritten nach. Der Gestalt und Größe nach schien es ein junger Mann zu sein. Es mußte also doch irgendwo in der Nähe ein Haus geben, und Erik hoffte sehr, daß der Fremde ihm weiterhelfen konnte. "Entschuldigung noch mal, ich habe eine Panne mit meinem Auto gehabt, können Sie mich vielleicht zu einem Telefon bringen?" Erik formte ganz automatisch mit Daumen und kleinem Finger neben seinem Kopf die Geste eines Telefonhörers. Er sah dem jungen Mann nach und konnte gerade noch sehen, wie dieser hinter einem Baum verschwand.
Ole kicherte leise in sich hinein. Das war doch genau die Gelegenheit, nach der er gesucht hatte. Er verspürte den unbändigen Drang, den Menschling ein wenig an der Nase herumzuführen. Er steckte ganz kurz den Kopf hinter dem Baumstamm hervor, winkte Erik mit dem Zeigefinger, drehte sich um und lief weiter in den Wald.
Was war denn das für ein komischer Kauz? Ein wenig war Erik doch verwundert. Er schaute zurück zu seinem Wagen und überlegte kurz, ob er dem seltsamen Kerl tatsächlich folgen, oder nicht doch lieber beim Auto bleiben und abwarten sollte. Was soll's, es wurde immer später und Erik hatte wirklich keine Lust, die halbe Nacht hier auf der Straße zu verbringen. Außerdem hatte der Fremde ihn doch ganz offensichtlich verstanden, schließlich hatte er ihn gerade ganz eindeutig aufgefordert, ihm nachzugehen. Erik seufzte ein wenig, zuckte mit den Schultern und stapfte los, um Ole nicht aus den Augen zu verlieren. "Warten Sie, ich komme mit!"
Hihihi, das war ein Spaß nach seinem Geschmack. Ole mußte noch immer kichern. Inzwischen war er bei seinem herrlichen Streich noch ein wenig dreister und kühner geworden. Er paßte auf, daß Erik nicht sehr weit hinter ihm zurückblieb, offensichtlich konnte dieser lange nicht so mühelos wie Ole selbst durch Rankensträucher, Unterholz und über dicke Moosteppiche klettern. Hin und wieder versteckte er sich halb hinter einem Baum und winkte dem Menschling ungestüm, er möge ihm folgen. Doch sobald sich der Abstand zwischen ihnen bedenklich verringert hatte, huschte Ole erneut davon.
Erik schnaufte und ließ sich einen Moment auf ein dickes Moospolster fallen. Sein unbekannter Führer legte ein ziemliches Tempo vor. Jetzt wurde es Erik ganz offensichtlich heimgezahlt, daß er seit Monaten seine Zeit ausschließlich vor dem Computer verbrachte und sich immer erfolgreich gedrückt hatte, wenn Kirstin ihn mit gespielt vorwurfsvollem Blick auf seinen Bauchansatz zum Gang ins Fitness-Studio überreden wollte. Er hatte es aufgegeben, den jungen Mann vor ihm bitten zu wollen, er möge doch eine kleine Verschnaufpause einlegen oder zumindest ein wenig langsamer zu laufen. Es handelte sich wohl offensichtlich doch nicht um einen Landsmann von Erik, sondern vielmehr um einen Touristen, dessen Norwegisch ziemlich dürftig war. Diese Vermutung hegte Erik auch aufgrund der ungewöhnlichen Kleidung, die der Fremde trug: eine dunkelgrüne, dreiviertellange Hose, die fast ein wenig abgerissen aussah und eine fellähnliche Weste von einfach unbestimmbarer Farbe. Mit kurzer Erheiterung fragte sich Erik, wer von ihnen beiden in puncto Mode wohl hier nicht ganz up to date war.
Ole bemerkte schadenfroh, daß der Menschling ziemlich außer Puste war, denn dieser stolperte jetzt schon mehr über den Waldboden, als daß er noch ordentlich laufen konnte. Schon etwa zwanzig Minuten hatte er Erik jetzt kreuz und quer durch den Wald gelockt, so daß selbst er schon ein klein wenig Mühe hatte, noch zu wissen, wo sie sich gerade befanden. Hinterlistig blitzten Ole's dunkle, kleine Augen. Er lief noch ein kleines Stück weiter, um genügenden Abstand zwischen sich und den Menschling zu bringen, stellte sich dann aufrecht zwischen zwei hohe Baumstämme und begann, wild zu gestikulieren und tiefer in den Wald zu zeigen.
Erik atmete auf, endlich schien der wilde Waldlauf ein Ende zu haben. Der Fremde zeigte heftig in die Richtung vor ihnen. Wahrscheinlich hatten sie das Haus, auf welches Erik so sehr hoffte, gleich erreicht. Der junge Mann hatte sich ein ziemliches Stück von Erik entfernt, er konnte ihn gerade eben noch sehen. Komisch, was wedelte da nur an seinem Hinterteil ... ? Das sah fast aus wie ... wie ... ein langer Schwanz? Erik verscheuchte diesen unsinnigen Gedanken und erhob sich wieder. Na dann also - Endspurt. Erik nahm noch einmal seine Kräfte zusammen und lief los in die Richtung, die der Fremde ihm gewiesen hatte.
Ole hielt sich den Bauch vor Lachen. Was waren doch die Menschlinge für lustige Gestalten. Es lohnte sich wirklich, sich ein wenig mit ihnen die Zeit zu vertreiben. Jetzt aber war es fast dunkel und an der Zeit, langsam nach Hause zu laufen. Die Alten würden sicher auch schon heimgekehrt sein und die Körbe, Tröge und Töpfe in den Regalen der Hütte mit der reichlichen Ausbeute ihrer Streifzüge gefüllt haben. Naja, ein paar Minuten würde er sich den Menschling noch betrachten, wie er sicher völlig orientierungslos durch den Wald davonstolperte. Ole duckte sich ganz tief in eine Erdmulde unter einer mächtigen Tanne, deren dunkelgrüne Zweige ihn vor den suchenden Blicken des Menschlings verbargen.
Das gab es doch gar nicht, wo war denn nur ... Erik schaute sich verdutzt um. Eben gerade hatte er den Fremden doch noch gesehen und nun schien er wie vom Erdboden verschluckt. "Hallo? Hallo Sie ... wo sind Sie? Ich kann Sie nicht mehr sehen ... so sagen Sie doch etwas!" Erik lauschte in die nächtliche Stille. Keine Antwort. Lediglich eine Nachtigall sang in der Ferne ihre Melodie und irgendwo in einem Baum rief ein Käuzchen. Erst jetzt fiel Erik auf, daß die Dunkelheit mittlerweile hereingebrochen war und der nächtliche Wald lediglich von dem riesenhaften Vollmond erhellt wurde, der wie ein dicker Lampion über den Baumwipfeln hing.
Nun wurde es ihm aber doch langsam unbehaglich. Er konnte weit und breit aber auch gar nichts ausmachen, was auf ein Haus oder wenigstens eine Hütte hingewiesen hätte. Nicht einmal der winzigste Schein einer Lampe schimmerte durch die Bäume. Erik blickte sich nach allen Seiten um. Es wurde ihm erschreckend bewußt, daß er nicht die geringste Ahnung hatte, wo er sich eigentlich befand, geschweige denn, in welche Richtung er zu seinem Auto zurückkam. In die plötzlich aufsteigende Angst mischte sich eine Riesenwut auf sich selber, daß er so ohne lange darüber nachzudenken, dem Fremden einfach gefolgt war. Das war anscheinend der krönende Abschluß eines völlig verdorbenen Tages. Gerade wollte er ziellos in die Richtung zurücklaufen, aus der sie wahrscheinlich gekommen waren, als er mächtiges Krachen und Stampfen hörte, das rasch näher kam.
Erschrocken riß Ole die Augen weit auf. Eine große, grobe Hand zog unbarmherzig und unnachgiebig an seinem linken Ohr. Wider Willen wurde er aus seinem Versteck gezogen und auf die Füße gestellt. Vor ihm stand Schnork, einer der Alten seiner Sippe und schaute böse und vorwurfsvoll auf ihn herab. "Wo treibst Du Dich wieder herum Ole? Deine Mutter ist schon ganz krank vor Sorge!" "Ööhm ... ich ... ich ... ich hab' doch nur ..." Schuldbewußt starrte Ole auf seine Füße. "Ich habe einen Menschling getroffen ... er war mit einem dieser stinkenden, lauten Kästen unterwegs ... ich habe nur ein wenig mit ihm gespielt ..." Ole versuchte, seiner Stimme einen festeren und trotzigeren Klang und zu geben. "Gespielt? Du hast sicher wieder groben Unfug getrieben!" Schnork gab Ole eine feste Kopfnuß. "Wo ist der Menschling jetzt? Hast Du ihn etwa bis hierher in den Wald geführt? In dieser Dunkelheit wird er ganz sicher nicht wieder alleine heraus finden!" Ole preßte seine Lippen fest und trotzig aufeinander. "Na? Antworte!" Widerwillig deutete Ole mit dem Kopf in die Richtung in der er Erik zuletzt gesehen hatte. "Ole, Ole, wann wirst Du endlich ein wenig ernsthafter werden ... verschwinde nach Hause, aber flink!" Schnork schüttelte nachdenklich seinen mächtigen Kopf, ließ Ole's Ohr los und gab ihm einen kräftigen Klaps auf sein Hinterteil. Erleichtert über seine Entlassung rannte Ole wie der Teufel tiefer in den Wald zur Hütte seiner Mutter davon.
Zu Tode erschrocken starrte Erik in die Richtung des unheimlichen Geräusches. Er wußte nur zu gut, daß sich in den tiefen Wäldern Norwegens nicht nur kleines Getier, sondern auch Bären und Wölfe heimisch fühlten. Und er hatte hier einfach nichts, womit er sich nötigenfalls hätte verteidigen können. Mit einem mal teilten sich etwa fünf Meter von ihm entfernt die Zweige eines dichten Gesträuchs und eine riesige, moosbewachsene Gestalt mit schlohweißem Haar und einem ebenso weißen, dichten, langen Bart stampfte auf ihn zu. Eriks Augen weiteten sich. Der Riese war mindestens zwei volle Köpfe größer als er selbst, hatte lange, spitze, dicht mit braunem Fell bewachsene Ohren, eine dicke, lange Nase und einen Schwanz, an dessen Ende ein grau-weißes Haarbüschel wehte. Seine mächtigen Pranken schienen jeweils nur vier Finger zu haben, die in gelblich-braunen, gebogenen Krallen oder Nägeln endeten. Ein undefinierbares Geräusch entrang sich der Kehle des Ungetüms. Es hob den rechten Arm und wollte nach ihm greifen. "Aaahhhrrrg ..." Erik war sich darüber im Klaren, daß sein letztes Buch nun unvollendet und Kirstin unverheiratet bleiben würde. Dies hier war seine letzte Stunde ...
Bäääh ... was war das nur für ein widerlich metallischer Geschmack in seinem Mund? Benommen hob Erik den Kopf vom Lenkrad und spuckte angewidert aus dem Fenster der Fahrertür. Wow! Sein Schädel fühlte sich an, als hätte jemand Fußball damit gespielt. Langsam erinnerte er sich wieder ... der Knall ... der Wagen schleuderte ... er mußte wohl ziemlich heftig mit der Stirn auf das Lenkrad geschlagen sein. Erik richtete sich vollends in seinem Sitz auf und rieb sich die Schläfen. Dieser verdammte Reifen ... der Reifen? Ja ... er war doch geplatzt, oder nicht? Erik erinnerte sich doch noch deutlich an den zerfetzten, schwarzen Gummi. Aber wie zum Teufel sollte er das wissen, wenn er doch offensichtlich noch nicht einmal aus dem Wagen gestiegen war? Schlagartig drängte sich Erik da das Bild eines riesigen, furchtbaren Trolls ins Gedächtnis, der mit weit ausgebreiteten Armen auf ihn zukam. Der Wald, der fremde junge Mann ... was war bloß los in seinem Kopf? Hatte er sich das alles nur eingebildet, oder geträumt, oder war der Aufprall auf das Lenkrad zu heftig gewesen? Erik versuchte verzweifelt, Ordnung in seine Gedanken zu bringen, die ihm in wilden Bildern durch den Kopf schossen. Großvater ... waren seine Geschichten vielleicht doch mehr als uralte Volksmärchen? Verwirrt und fassungslos blickte Erik auf das in der Dunkelheit silbern schimmernde Wasser des Geiranger-Fjordes. Da tauchte aus der Ferne der gelbliche Lichtstrahl zweier sich schnell nähernder Scheinwerfer auf. Ein entgegenkommendes Auto bemerkte Eriks quer zur Fahrbahn stehenden Wagen und bremste rasch ab. Ein junger Mann und eine junge Frau stiegen aus. "Hallo, hatten Sie einen Unfall? Sind Sie verletzt? Brauchen Sie vielleicht Hilfe?" Erik legte den Kopf zurück schaute aus dem Fenster in den dunklen Nachthimmel. Groß, rund und hell strahlte ihn der Vollmond an.
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